Dienstag, 20. Dezember 2016

30 years after - Tag 1 - Tschernobyl

Die Idee, sich Chernobyl und die Geisterstadt Prypjat einmal mit eigenen Augen anzusehen existierte schon ein-zwei Jahre. Aber die Schwierigkeit der Umsetzung dieser Pläne könnte eine eigene kleine Geschichte werden, diese soll hier aber nicht Thema sein. Nur so viel vielleicht: Am Ende brachen nur noch zwei (von sechs) der ursprünglich geplanten Tour-Teammitglieder gen Ukraine auf.

Am letzten Septembertag dieses Jahres enterten wir also unseren Flieger gen Kiew.
Nach einem Abend mit kleinem Kulturschock in der ukrainischen Version des White Trash und einer Übernachtung in einem Schiffs-Hotel auf dem Dnepr mit grandioser Aussicht, ging am nächsten Morgen unser Kleinbus gen Sperrzone.

Kiew bei Nacht...
...und bei Tag
Nach etwa zwei Stunden gelangten wir an den ersten Checkpoint am Rand der 30km-Sperrzone, den wir nach der Anmeldung bei den örtlichen Sicherheitskräften passieren durften. Anhand der Busse und der anderen Kleintransporter, die hier parkten, ließ sich bereits erkennen, dass wir keinesfalls die Einzigen sein würden, die sich an jenem Tage auf den Weg in die Zone machten. Mein Unbehagen, welches im Hinblick auf eine gewisse Massenabfertigung größer war als im Hinblick auf jegliche Strahlung vor Ort, wuchs. Später sollte ich feststellen, dass dieses jedoch weitestgehend unbegründet war.

Und dann befanden wir uns auf dieser Straße, welche uns weiter und weiter hinein in das verseuchte Gebiet führte, aus dem die Opfer der Katastrophe vor 30 Jahren geflohen waren.
Ich kann das Gefühl, welches mich dabei beschlich, heute noch nicht so richtig in Worte fassen. Dieser Blick aus dem Fenster in den Wald neben der Straße, die immer wieder von den markanten rot-gelben Achtung-Strahlung-Schildern flankiert wurde. Angst war es nicht, denn wir hatten einen erfahrenen Guide dabei, der wiederum ständig den Geigerzähler im Anschlag hatte und wir wussten bereits vorher, dass uns ein zweitätiger Aufenthalt in der Zone keiner höheren Strahlendosis aussetzen würde, als der, die jeder auf einem Langstreckenflug abbekommt. Es war viel mehr das Wissen um das, was hier passiert war und was es bis heute noch an Auswirkungen nach sich zieht, welches mir ein seltsames Gefühl in der Magengegend verschaffte.



Viel Zeit zum Grübeln blieb allerdings nicht, denn schneller als gedacht gelangten wir an unser erstes Ziel, das Dorf Cherevach, wo wir kurz Zeit hatten, einen Blick in die verfallenen Häuser sowie in den Gemeindesaal zu werfen. Dann ging es auch schon weiter.

welcome to Chernobyl

Nächster Halt war nach einem kurzen Stopp am Ortseingangs-Monument Tschernobyl.
Anders als die heutige Geisterstadt Prypjat, welche komplett auf dem Reißbrett entworfen wurde, ist Tschernobyl eine historisch gewachsene Stadt, die bereits im Jahr 1193 erste schriftliche Erwähnung fand. Sie war das Zentrum der Dnipro-Dampfschifffahrt und verfügte über eine Eisenhütte. Lebensmittelindustrie, ein Baustoffkombinat und Kunstgewerbe waren ebenfalls hier angesiedelt. Bis zur Reaktorkatastrophe am 26. April 1986 lebten ca. 14.000 Menschen in Tschernobyl.
Heute sind es 700, darunter die verbliebenen Arbeiter und Ingenieure des noch funktionstüchtigen Teils des Kernkraftwerks, welches zwar vom Stromnetz genommen wurde, aber dennoch ständig überwacht und gewartet werden muss.
Die Stadt liegt außerhalb der inneren 10km-Sperrzone und wurde nach der Katastrophe gesäubert.
Die Radioaktivität ist hier mit 0,15 µSv pro Stunde etwa so hoch wie in Kiew, also leicht erhöht (zum Vergleich: die radioaktive Hintergrundstrahlung liegt weltweit im Bereich von 0,03 - 0,08 µSv pro Stunde).
ein Schild für jedes evakuiertes Dorf

Den ersten Stopp in Tschernobyl legten wir bei den beiden Mahnmalen zum Gedenken an die über 100 Dörfer ein, welche 1986 evakuiert und teilweise danach dem Erdboden gleich gemacht wurden. Ein Mahnmal zeigt den Engel der Liquidatoren. Zu seinen Füßen befindet sich eine große Betonplatte in der Form des Grundrisses der Sperrzone, in die symbolisch für die größten Dörfer Metall-Halterungen eingelassen sind. Hier brennen zur Gedenkfeier an jedem Jahrestag Kerzen.
Das andere Mahnmahl reiht alleeartig angelegt die Ortsnamen aller dieser Dörfer in der heutigen Ukraine und im benachbarten Weißrussland auf.
Diese Ausmaße der Katastrophe so greifbar und live vor mir zu sehen, empfand ich als einen der bewegendsten Momente der Tour.

Als nächstes stand der Kindergarten von Kopatschi auf dem Programm. Wer die zahlreichen Reportagen über die Katastrophe kennt, hat mit Sicherheit auch von diesem Ort schon ein paar Bilder über die Mattscheibe flimmern sehen.
Das Dorf Kopatschi selbst wurde durch den Fallout mit einer recht hohen Strahlendosis kontaminiert. An die Häuser dieses Ortes erinnern heute nur noch Erdhügel. Einzig dieser Kindergarten ist noch übrig geblieben.







Nächster Zwischenstopp war der Hafen, von welchem aus man in der Ferne den rostigen Schiffsfiedhof erblicken konnte.




Weiter dann ging es zum Kühlturm, der für die damals im Bau befindlichen Reaktorblöcke 5 und 6 genutzt werden sollte. Jedoch wurden weder er noch die beiden Reaktorblöcke, die sich etwas abseits der Blöcke 1-4 befinden, jemals fertiggestellt. Der Hinweis "Nicht auf das Moos treten!" (Moos speichert Strahlung genauso stark wie Pilze es tun) wurde im Inneren des Kühlturms schon zu einer kleinen Herausforderung, weil es einfach überall herumwucherte.





Kurz vor der Mittagspause in der Kantine des Kernkraftwerks gab es noch drei weiter kleine Stopps: einen mit Panoramablick auf alle 6 Reaktorblöcke, einen am Kühlwasserbecken, in dem sich die riesigen Welse tummeln sowie einen am Mahnmal nahe Block 4, in dem sich die Katastrophe ereignet hat. Da sich die Touristen an jenem Ort ein wenig stapelten, war es nicht so ganz einfach, die Szene ohne irgendwelche Menschen im Bild zu einzufangen. Zudem gab es hier sehr strikte Anweisungen, von wo aus der Reaktor fotografiert werden darf und was oder wer nicht im Bild sein dürfen.

Reaktorblock 5&6 - nie fertiggestellt
Reaktorblöcke 1-4
Reaktorblock 4 und Mahnmahl

Im Anschluss an die mittägliche Stärkung (es war schon ein kleines Erlebnis, in einer Kantine mit den Arbeitern des Kraftwerks und dem Sicherheitspersonal zu sitzen) peilten wir die Militärbasis Duga an, einen Ort, der in seinen aktiven Zeiten als Top Secret eingestuft und als Ferienlager getarnt war. Das imposanteste war zweifelsohne die gigantische Antennenanlage, welche zu Abhörzwecken diente.






  



Hier verbrachten wir die restliche Zeit bis zur Dämmerung, dann ging es zu unserer rustikalen aber doch recht gemütlichen Unterkunft: in eins der zwei Hotels, welche in Tschernobyl existieren.

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