Mittwoch, 21. Dezember 2016

30 years after - Tag 2 - Prypjat

Recht früh am Morgen brachen wir auf gen Prypjat.
Der Tag und die Zeit waren bestens von unserem Guide gewählt, da sich samstags die "Tagesausflügler" in der Geisterstadt gegenseitig fast auf die Füße treten.
Doch am Sonntagmorgen herrscht hier andächtige Ruhe, die wir bei unserem ersten Halt vom Dach eines 16-stöckigen Wohnhauses mit 180° Blick auf die Stadt einducksvoll erleben konnten.

willkommen in Prypjat
im Hintergrund Reaktor 3&4 sowie der neue Sarkophag

1970 wurde Prypjat gegründet, in Zusammenhang mit dem Kernkraftwerk. Hier sollten die Arbeiter leben, wohnen und ihren Freizeitbeschäftigungen nachgehen können. Das Kraftwerk galt damals als der größte Arbeitgeber in der Region.
Bis zum Unglück im April 1986 lebten 49.360 Menschen in dieser Stadt.
Erst einen Tag später, am Mittag des 27. April 1986 erfuhren diese von ihrer bevorstehenden Evakuierung, welche dann 36 Stunden nach dem Supergau stattfand und anfangs noch als "dreitägige Abwesenheit" verharmlost wurde. Die Strahlung lag zu diesem Zeitpunkt um die
50 μSv pro Stunde und trotz der Tatsache, dass die größte Kontaminierung des Gebiets aufgrund günstiger Winde erst rund zwei Tage später durch radioaktive Niederschläge einsetzte, leiden viele der ehemligen Einwohner noch heute an den Spätfolgen der hohen Strahlendosis, der sie in den besagten 36 Stunden ausgesetzt waren.
Heute liegt die Strahlenbelastung bei etwa 0,3 
μSv pro Stunde.

Im Anschluss ging es zu Schule No. 3 und zur Turn- und Schwimmhalle. Letztere war im Übrigen noch bis zum Jahr 1996 in Betrieb und wurde von den Liquidatoren genutzt.


 





Weiter ging es für uns zum Rummelplatz, dessen Riesenrad jedem sofort in den Sinn kommt, wenn der Name "Prypjat" fällt. Dieser kleine Vergnügungspark sollte zu den Feierlichkeiten am 01. Mai 1986 eröffnet werden, doch aufgrund der Reaktorkatastrophe wenige Tage davor, kam es nie dazu.




Nächster Tagesordnungspunkt war das Krankenhaus No. 126.
Man merkte schnell, wie vollgepackt dieser Tag eigentlich war und wie wenig Zeit man somit leider nur an den einzelnen Orten zum erkunden und fotografieren hatte. Wie wir im Nachhinein erst gesehen haben, ist gerade das Krankenhausgelände riesig und bietet noch jede Menge mehr, als den kleinen Teil, den wir an diesem Tag gesehen haben.









Auch dem hiesigen Schiffsanleger, von dem aus man einst mit einem Vergnügungsdampfer ein wenig auf einem See herumschippern konnte und dem benachbarten Cafe statteten wir einen Besuch ab. Der besagte Dampfer rostet heute ein paar hundert Meter weiter vor sich hin.



Als wir über die riesig angelegten Prospekte und Straßen schlendern, fiel sie wieder auf, diese unglaubliche, unheimliche Stille, die nur vom Rascheln der Blätter im Wind durchbrochen wurde.
Da zwischen den Häusern und auf den Straßenzügen heute eine Menge Bäume und Sträucher wachsen, lässt sich das Ausmaß der Stadt selbst im Zentrum zum Teil nur noch erahnen.

Kulturpalast Energetik, Lenin Prospekt, ehem. Zentrum
Kino Prometheus
Wohnhaus

Auf dem Weg zum Kindergarten No. 7 ("Goldener Schlüssel") kamen wir noch an zwei weiteren Freizeiteinrichtungen Prypjats vorbei: der Konzerthalle sowie der Box-Arena.



Gerade in diesem Kindergarten empfand ich die Stimmung wieder als besonders drückend. Kinderbettchen und jede Menge zurückgelassenes Spielzeug, Puppen und Kuscheltiere wohin man auch schaute, dazwischen Gasmasken in einer sehr kleinen Ausführung. Einmal mehr wurde überdeutlich, dass dies alles hier keine "normalen" Lost Places sind, sondern einer Tragödie enormen Ausmaßes entstammen. Wie mochte es hier zugegangen sein, nachdem man von der Katastrophe erfahren hatte? Es bleibt unvorstellbar, unfassbar und auf eine seltsame Art unwirklich.





Nach dem Mittagessen in der Kraftwerkskantine war heute einmal mehr Raubtierfütterung angesagt. In der Zone und gerade in Tschernobyl trifft man immer wieder auf mehr oder minder große Rudel verwilderter Hunde. Die Fellnasen sind freundlich, neugierig, aber doch recht zurückhaltend. Kraulen lassen sich nur wenige, Futter wird allerdings sehr gern angenommen. Da wundert es einen auch nicht, dass gerade in der Nähe der Kantine das größte Rudel zu finden ist. Hier fällt immer irgendetwas vom Mittagessen ab.




Die Jupiter Factory war unser nächstes Ziel.
Diese Fabrik war ein Zweigbetrieb der Kiewer "Mayak" und stellte vor der Nuklearkatastrophe hauptsächlich Komponenten für Tonbandgeräte her. Ebenfalls kursiert die Vermutung, dass die Firma in enger Beziehung zum Militär stand und diverse Dinge für die Verteidigung produzierte.
Nach dem Reaktorunfall waren hier radiologische Labore beherbergt, wo Dekontaminations-Equipment und Dosimeter getestet wurden. 1996 schlossen sich die Werktore für immer.





Zum Abschluss des Tages statteten wir noch einem kleinen Nutzfahrzeuge-Friedhof einen Besuch ab.




Und so endete dann unsere Tour durch die Sperrzone. Mit vielen Eindrücken im Gepäck ging es zurück nach Kiew.
Den Veranstalter unserer Tour - Gamma Travel - kann man im Übrigen jedem Besuchswilligen nur ans Herz legen: Kompetenter Guide, gute Organisation und das Allerbeste: kein 20-Mann-Bus, sondern eine Kleinbus-Tour, bei der sich die Fotografierenden nicht permanent gegenseitig vor der Linse stehen und bei der auf individuelle Wünsche bestmöglich eingegangen wird.